„Linienrichter müsst‘ man sein!“

Es kann manchmal so schön sein, Linienschiedsrichter zu sein. Vor allem dann, wenn man den anrauschenden Pucks mit grazilen Sprüngen ausweicht oder den Anschein erzeugt, besser Schlittschuhlaufen zu können, als so mancher Spieler. So ein graziler Sprung ist schwerer beschrieben, als getan: Begonnen wird mit einer taffen Einlaufsphase, bei der man rückwärts anläuft und durch variable Schrittvariationen an Geschwindigkeit gewinnt. Die Phase des richtigen Absprungs ist aber bei jeder Situation anders. Dabei kann es zum Absprung von der Schlittschuhkante oder einem getippten Absprung kommen. In jeder Ausführung ein Bild für die Götter. Doch das war bei weitem noch nicht alles. Eingeleitet von einer märchenhaft schönen Rotation, vollendet mit der Landephase und dem Ausgleiten kommt es zur Vollendung des Meisterwerks. Auf dem Eis sind das nur ein paar Sekunden, in Zeitlupe entpuppt sich zwischen den Schiedsrichtern der Deutschen Eishockey Liga hier und da ein gestandener Eiskunstlauf Fanatiker. Linienschiedsrichter sein, kann aber auch alles andere als schön werden. Dann zum Beispiel, wenn Rob Wilson und Mike Flanagan schon fast auf dem Eis schimpfend über einen herziehen, weil man eben einmal zu spät abgesprungen ist und den Puck abgefälscht hat. Einmal ist das auch nicht so schlimm, den gleichen Akt dann aber nur 25 Sekunden später erneut zu wiederholen, braucht schon Talent. Das man dabei die Bewegung des Schlittschuhs so perfektioniert, dass der Puck bei Yannic Seidenberg ankommt, erfordert dann schon besonderes Können. Verloren haben die THOMAS SABO IceTigers deshalb aber nicht. Die erste Partie beim HockeyHalleluja war trotz der Niederlage überragend, atemberaubend und faszinierend.

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Es war dunkel in der ausverkauften Olympiahalle. Der Stadionsprecher wendete sich zu der Kurve mit dem „Gästefanblock“ und forderte die Regie auf, die Kurve anzuleuchten. Die Adjektive überragendatemberaubend und faszinierend sind definitiv ein paar Stufen zu schwach, um die Masse der Nürnberger Fans zu beschreiben. Die komplette Kurve voller Fans der THOMAS SABO Ice Tigers. Und nicht nur das: Auch auf der Haupttribüne tummelten sich Hunderte mit Trikots aus Franken. Die offizielle Zahl von 1500 Gästefans war damit ohne Diskussion widerlegt. Teilt man die Olympiahalle in eine Torte auf (ja, dieser Blog wird tatsächlich am letzten Tag in diesem Jahr noch mathematisch), übertrumpfen die unfassbar lautstarken Fans mit Sicherheit die 3000er Marke. Falls Sie es nicht glauben können, noch ein Mal: Das war grandios, das war Gänsehaut. Das war Support, der auch die Spieler beim Einlaufen sichtlich überrollte.

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Heimspiel in München: Starke Kulisse von den Nürnberger Anhängern! [Foto: Birgit Eiblmaier]

Leider war das erste Drittel nicht so berauschend, wie das Intro und die Performance der fränkischen Fans. In den ersten drei Spielminuten passierte de facto nichts. Den ersten Schuss der Partie feuerte der Münchner Kapitän Michael Wolf ab, der es im weiteren Verlauf des Spiels noch elf Mal versuchte und damit der aktivste Stürmer des Spiels war. Spannend wurde es dann erstmals in der neunten Spielminute. John Mitchell nahm auf der Strafbank Platz [Stockschlag] und beobachtete ein starkes Power Play der Red Bulls. Das Don Jacksons Überzahlformation am Ende die Punkte verteilt, war in dem Moment aber noch nicht klar. Niklas Treutle hatte beim ersten Gegentor keine Chance, zu reagieren. Jon Matsumoto passte, direkt vor dem Tor, quer auf Keith Aucoin. Aucoin hatte kein Problem damit, den Puck locker zum 1:0 einzuschieben.

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Doch nur 38 Sekunden später arbeitete der (mit David Steckel) momentan beste Mann auf dem Eis den Ausgleich heraus: John Mitchell drehte sich im Slot um die eigene Achse und zog ab. Der Puck prallte am Pfosten ab und landete auf der Kelle von Taylor Aronson, der sich an seinem 26. Geburtstag mit dem 1:1 belohnte. Lasse Kopitz und Marian Rohatsch (Hauptschiedsrichter) überprüften das Tor, sicherheitshalber, beim Videobeweis – man weiß ja nie. Der Treffer hätte regulärer nicht sein können, der Ausgleich wurde also völlig zurecht als gültig anerkannt. Aronson zeigte nur sieben Minuten später, dass er sich auch ohne Schläger zu helfen weiß und verhinderte mit drei geschickten Kickbewegungen den Angriff von Maximilian Kastner.

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München am Drücker, Nürnberg mit dem schnellen Ausgleich! [Foto: Birgit Eiblmaier]

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Im Mittelabschnitt waren die IceTigers die spielbestimmende Mannschaft. Nach zwei Fouls von David Steckel und Oliver Mebus waren die Red Bulls drei Mal hintereinander auf der Strafbank zu Gast und bezahlten dafür mit dem zweiten Treffer, auch wenn das Tor nicht direkt in Überzahl zu Stande kam. Die Sturmreihen von Rob Wilson (Headcoach, THOMAS SABO IceTigers) hatten zwischen der 30. und 37. Spielminute etliche Chancen. Ob es David SteckelJohn MitchellDane FoxLeo Pföderl oder Patrick Reimer waren. Sie alle hätten den Puck im Netz zappeln lassen können, teilweise auch müssen. Am Ende waren es aber Patrick Buzas (!) und Brett Festerling. Festerling bekam den Puck von Buzas an die blaue Linie und erkannte das Durcheinander vor David Leggio (Torhüter, EHC Red Bull München). Leggio sah die Scheibe erst, als die Tiger mit der halben Arena in Freunde ausbrachen (1:2).

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Was wäre ein Spiel gegen die Red Bulls ohne eine nette Konversation mit Steve Pinizotto? Das dachte sich auch Patrick Buzas nach dem Treffer zum 1:2. Die Schiedsrichter fanden das aber nicht besonders freundlich vom Nürnberger Mittelstürmer und verpassten ihm prompt eine Zehn – Minuten – Disziplinarstrafe. Da konnte es sich Leo Pföderl nicht verkneifen, sich vor dem Bully der Strafbank zu anzunähern und Buzas frech anzulächeln. Was Pinizotto von Buzas zu hören bekommen hat, werden wir wohl nie erfahren. Das nächste Mal holen wir aber einfach Jochen Reimer. Der weiß, was zu tun ist.

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Viel Druck und nur ein Tor im zweiten Drittel für die IceTigers! [Foto: Birgit Eiblmaier]
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Die drei Punkte wären vor dem Jahreswechsel drin gewesen. Die Flut an Strafzeiten im dritten Drittel wusste das aber zu verhindern: Zwei Mal Yasin Ehliz, ein doppelter Brett Festerling, einmal Patrick Köppchen und Tom Gilbert schraubten die Strafzeit der IceTigers auf satte 1920 Sekunden (!) [32 Minuten]. Während sich die Abwehrreihen abmühten und Niklas Treutle die Nürnberger Mannschaft immer wieder mit starken Paraden vor dem Ausgleich rettete, schraubten die Red Bulls die Druckschraube immer wieder ein Stück weiter zu. Auch die schöne Konterchance von Marcus Weber und Yasin Ehliz änderte nichts daran, dass die doppelte Power Play Situation in der 53. Spielminute sehr schnell zum 2:2 führte. Derek Joslin legte an der blauen Linie für Yannic Seidenberg vor, der den Puck eiskalt ins Tor hämmerte und die Olympiahalle in ein Tollhaus verwandelte. Mehr passierte im Schlussabschnitt nicht mehr. Die finalen sieben Minuten nahmen nicht wirklich an Fahrt auf. Zehn Sekunden vor Schluss arbeitete John Mitchell dann doch noch ein Mal bockstark in Unterzahl und bereitete Brett Festerling den perfekten Shorthanded – Gamewinner (Tor in Unterzahl = Shorthander) vor. Der brachte die Scheibe aber nicht hinter David Leggio und besiegelte damit die Zugabe.

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Plötzlich alles anders: Niklas Treutle im Dauereinsatz! [Foto: Birgit Eiblmaier]

In der Overtime kamen die IceTigers zu einer Chance. Tom Gilbert sprintete, nach seiner Rückkehr von der Strafbank, alleine auf das Münchner Tor zu. Gilbert scheiterte aber an Leggio und hinterließ rund 3000 offene Münder. Nur eine Minute später war Gilbert zurück in der Kühlbox. Diesmal warf er mit Handtüchern um sich und teilte Lasse Kopitz (Hauptschiedsrichter) relativ lautstark seine Ansichten über das Foul mit. Das änderte aber nichts am nachfolgenden tödlichen Unterzahlspiel. 30 Sekunden vor Schluss blieb den Nürnberger Fans beinahe das Herz stehen blieb. Die Scheibe rutschte Niklas Treutle durch die Schoner und lag direkt vor der Linie. Brett Festerling klärte die Situation und hielt das Spiel für weitere 28 Sekunden offen. Erst einmal, dann zweimal prallte der Puck am Schlittschuh des Schiedsrichters ab. Beim zweiten Mal dann optimal für Yannic Seidenberg, der Brooks Macek bediente. Macek behielt die Ruhe und überwand Treutle eine Sekunde vor Schluss.

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Zu den Stars des starken Duells in München zählt John Mitchell. Mitchell kann man nach nahezu allen Spielen bei den Stars aufzählen. Seine Spielübersicht ist beeindruckend. So auch sein technisches Können, mit dem Schläger umzugehen und die Fähigkeit, seine Gegenspieler in zahlreichen Situationen klar aussteigen zu lassen. Mitchell ist ein Spieler, der sich einwandfrei in der Mannschaft integriert hat und einer der Bausteine für erfolgreiche PlayOffs.

Da heute der letzte Tag im Jahr 2017 ist, darf es auch mal ein gegnerischer Spieler sein: In dem Fall David Leggio. Leggio hat seine Mannschaft, so wie Niklas Treutle auf der Nürnberger Seite, in vielen Situationen im Spiel gehalten und Schüsse gehalten, die 80% der Zuschauer schon im Tor gesehen haben. Auch wenn es Leggio hinbekommen hat, in zwei hochklassigen Ligen eine neue Regel ins Leben zu rufen: Seine gute Leistung nimmt ihm keiner.

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Und die Nummer 3? Wenn es ein Spieler sein muss, dann Taylor Aronson. Aronson spielte sehr auffällig, klärte zahlreiche Chancen der Münchner und zeigte sich auch in der Offensive stark und gefährlich. Wenn es kein Spieler sein muss, ist die Nummer 3 ganz klar die gigantische Gäste – Kurve in der Münchner Olympiahalle, die das gesamte Spiel über Heimspiel – Atmosphäre schufen.

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Takatuka Ultras und Noris United bei der Vorbereitung! [Foto: Birgit Eiblmaier]

Was soll man machen: Der siebte Streich gelang nicht. Die Verteidigung der Tabellenführung schon, zumindest mit fremder Hilfe aus Düsseldorf. Die Punkteteilung  geht so in Ordnung. Die THOMAS SABO Ice Tigers haben, vor allem im Schlussabschnitt, definitiv zu viele Strafzeiten genommen und darum gebettelt, den Ausgleich zu kassieren. Die Red Bulls haben die Möglichkeit auszugleichen dankend angekommen und ebenfalls ein starkes Spiel abgerufen.

Weiter geht es im neuen Jahr zu Hause gegen Iserlohn und Ingolstadt, ehe es am Sonntagnachmittag bei den Adler Mannheim zur Sache geht. Aus Mannheim wird es dann auch den nächsten Blog und ein Interview geben.

Und bis dahin: Guten Rutsch ins neue Jahr! 

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